Fragmentale Kopfgeburten

Zettelladen eines Zeitverdichters. Im Streubereich der Wahrheit.  

ausgeschnitten.9.9.63

raja-yoga, in einem etwas weiter gefassten sinn, ist ein geistiges yoga, eine form geistiger disziplin, die dem einzelnen einen weg der bewusstseinsentwicklung, der höheren bewusstwerdung, aufweist und dies ohne die möglichkeit, verantwortung - vor allem die für sich selbst zu delegieren, wie dies in fast allen "guru-traditionen" geschieht, auch den subtilsten. ich glaube, dass es dem mehrheitlich aus dem kosmischen lot geratenen menschen der herrschenden bewusstseinsformation vor allem anstünde, sich im tiefsten sinne selbst zu ergreifen oder, wie der romantische dichter novalis schreibt, "sich seines transzendenten selbstes zu bemächtigen". genau dies ist genuines "westliches yoga". asanas mögen dann zusätzlich praktiziert werden, essenziell sind sie nicht. möglich sogar, dass sie "stören" oder ablenken. gerade im hatha-yoga liegt auch die gefahr eines subtilen materialismus, einer körperbezogenheit, die das physisch-sinnliche nicht überschreitet, sondern gerade festzurrt, also das gegenteil von dem erreicht, was idealiter angestrebt wird.
letztlich können wir der frage nicht ausweichen, worum es überhaupt geht in der menschlichen existenz, was es auf sich hat mit dem menschen generell und dem einzelnen. dieser einzelne ist im kern auf sich selbst zurückgeworfen, kann sich nie entgehen (und darf sich auch nicht entgehen). jeder tod ist einzeln und individuell. täusche dich nicht darüber! ich glaube das jede spielart des spirituellen kollektivismus auf selbstbetrug und selbstverrat hinausläuft. gerade das selbst, so verhöhnt und missbraucht, bedarf der stärkung: über das vertiefte ich zum ich. über das kleine zum großen ich. dies ist der weg des "königlichen yoga", wie ich ihn  verstehe.

dr. jochen kirchhoff in "adyar" heft 3 / oktober 2008

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ausgeschnitten.9.9.62

[...] die zeit wurde als thema entdeckt, nicht zuletzt, weil sie durch die verbreitung öffentlicher uhren auch sichtbar wurde. nun wurden die menschen nicht mehr vom gestirnten himmel über ihnen regiert, fortan regierten sie sich, mit fleißiger unterstützung der chronometer selbst. gott dagegen wurde „zeitlich“ enteignet, die zeitherrschaft ging auf die weltlichen herrscher über. die teilten dann bald ihre untertanen in pünktliche und unpünktliche bewohner ein und nötigten sie, ihr leben nach terminen zu gestalten. das zinsverbot wurde aufgehoben, die ersten banken gegründet und die doppelte buchführung erfunden. kurz gesagt: der kapitalismus wurde auf jene schiene gesetzt, die später dann auch zum beschleunigbaren eisenbahnwesen führte. nicht mehr länger ist zeit ein gottesgeschenk, sie wird zur knappen ressource, mit der kalkulatorisch umzugehen ist. es ist die mechanische uhr, die den kapitalismus auf betriebstemperatur gebracht hat. [...] gestern dann - vor ca. 250 jahren – wurde alles anders: [...] obgleich in einem ausmaß wie nie zuvor in der geschichte zeit gespart wird, ist immer weniger von ihr da. ... heute wird es wieder anders, anders schneller als bisher. beschleunigt wird jetzt immer mehr durch vergleichzeitigung, durch zeitverdichtung. ... karriere machen nun nicht mehr die pünktlichen, karriere machen die flexiblen. [...] geschwindigkeit wird alles sein. "bist du nicht der schnellste, dann bist du der letzte",... [...] untersuchungen zeigen eine deutliche steigerung unserer sprechgeschwindigkeit. [...] was aber tun wir eigentlich mit der zeit, wenn wir sie gerade eben mal nicht beschleunigen? dann nutzen wir sie, um ordnung in unserer nahen und fernen welt zu machen. [...] spätestens in der ersten klasse der grundschule müssen kinder lernen, wie man die zeit an der uhr ablesen kann, und daß es die zeit der uhr ist und nicht das eigene zeitgefühl, nach der man sich zu richten hat. [...] man sollte zur kenntnis nehmen, daß die zeit nicht schnell und auch nicht langsam vergeht. wir laufen nur zu schnell oder zu langsam an ihr vorbei. das kann man vermeiden. und das sollte man auch vermeiden.

prof. dr. karlheinz geissler in "weleda zeitschrift" sommer 2008

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ausgeschnitten.9.9.61

[...] der integrale ansatz ist eine ernsthafte möglichkeit, theorie und praxis als eine einheit zu verstehen. diesen ansatz anzuwenden, und in den gesellschaftlichen bereich zu übertragen, ist anspruchsvoll und komplex, und es bedarf eines sensiblen und zugleich mutigen vorgehens. es ist von großer bedeutung, hilfreiche werkzeuge aus verschiedenen ansätzen zu nutzen und miteinander zu kombinieren, ohne deren essenz zu verwässern. um der gefahr der beliebigkeit zu begegnen ist es wichtig, sehr genau traditionslinien und kontexte zu kennen, ernst zu nehmen und zu würdigen.

matthias ruff in "integrale perspektiven" ausgabe 11 - oktober 2008

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ausgeschnitten.9.9.60

wo sehen sie die positiven seiten der angst?

ich sage immer: angst deckt auf, was einem wichtig ist, und die eigenen werte kommen zum vorschein. wenn jemand sagt, mein höchster wert ist zu heiraten und meine beziehung darf niemals scheitern, dann wird man davor angst haben, dass der partner einen nicht mehr liebt. ängste sind die folge von grundwerten.

dr. hans morschitzky in "ursache&wirkung" 65 / herbst 2008

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ausgeschnitten.9.9.59

christian weber: sozialer wandel bringt aber auch fortschritte.

hartmut rosa: wenn das tempo stimmt. doch die halbwertzeit des sozialen wissens schrumpft derzeit so schnell, dass wir uns ständig mit seiner aktualisierung beschäftigen müssen, seien es adressen, telefonnummern, passwörter, parteiprogramme, die bedienung von computerprogrammen oder technischen geräten. das führt zu einer gegenwartsschrumpfung, die vor allem älteren menschen probleme bereitet: alte menschen sind heute diejenigen, die sich nicht in die stadt trauen, weil sie nicht wissen, wie der fahrkartenautomat funktioniert. alter wird entwertet, weil erfahrung entwertet wird. es gibt nicht mehr den weisen alten, der weiß, wie die dinge laufen. man hat die welt nie ausgeschöpft und kann deshalb nicht mehr lebenssatt sterben.

christian weber: aber könnte lebenserfahrung nicht helfen beim umgang mit menschlichen grunderfahrungen, die immer gleich bleiben: niederlagen, liebe, tod?

hartmut rosa: das stimmt nur begrenzt. auch liebe und partnerschaft zum beispiel werden heute anders interpretiert als früher. die ansichten der Älteren wirken dann auch in diesem bereich anachronistisch. und zu den grundproblemen leiden und sterben haben wir in einer säkularen gesellschaft ohnehin nur schlechte antworten, da hilft auch erfahrung nicht. die angst vor dem tod ist ja ein weiterer grund, wieso wir menschen der moderne unsere erlebnisdichte steigern, also unser lebenstempo erhöhen.

christian weber: das ist doch eine sinnvolle strategie. psychologen sagen, dass viele erlebnisse im rückblick zu einem gefühlt längeren leben führen. das ist doch schon was.

hartmut rosa: sie beschreiben das bekannte zeitparadox: wenn ich spannende dinge erlebe und die zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im nachhinein lang. ich diagnostiziere jedoch ein phänomen, dass ich fernsehparadox nenne: beim zappen etwa wechseln zuschauer alle paar sekunden das programm. dabei vergeht die zeit wie im flug. man will vielleicht nur fünf minuten gucken, am schluss sind es zwei stunden. die zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück. nach langem tv-konsum ist man nicht zufrieden und erfüllt, im gegenteil. ich glaube, das moderne zeiterfahrungsmuster weist in vielen lebensbereichen diese kurz-kurz-struktur auf.

christian weber: die erlebnisse können aber auch sein: kurztrips nach london, kino und theater, bergsteigen am wochenende.

hartmut rosa: ich vermute dennoch, dass mit der erlebnisdichte die erlebnistiefe abnimmt. wir erleben zwar sehr viel, aber erinnern uns nur durch souvenirs und äußere dingen daran. wir machen unsere erlebnisse nicht mehr zum teil unserer lebens- und entwicklungsgeschichte. wir erfahren kein wachstum, sondern eine ziel- und richtungslose veränderung. das ist kein fortschritt.

hartmut rosa in "süddeutsche zeitung wissen" januar/februar 2009

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ausgeschnitten.9.9.58

gerard malanga: wenn sie unglücklich sind, sollten sie dafür bezahlt werden?
andy warhol: ja.
gerard malanga: wer sollte nicht bezahlt werden?
andy warhol: talentierte leute.
gerard malanga: warum?
andy warhol: weil sie alles so leicht schaffen.

interview mit andy warhol, aus "acid" - herausgegeben von rolf dieter brinkmann und ralf-rainer rygulla

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ausgeschnitten.9.9.57

satori ist nichts weiter als eine verfestigung von intersubjektiver ignoranz, die der unterdrückung und marginalisierung dialogischer realität vorschub leistet.   

ken wilber in "integrale spiritualität" seite 76 / 2006

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ausgeschnitten.9.9.56

es ist sogar vorstellbar, dass wir gottes nervenzellen sind - wenn man davon ausgeht, dass das universum und diese singularität gott waren, der sich sozusagen selbst explodierte und nun im prozess seiner holografischen wiederherstellung ist.  

zoltan torey in "WIE" ausgabe 23 / frühjahr 2007

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ausgeschnitten.9.9.55

sie beschreiben sehr ausführlich tiefpunkte im unterhaltungsfernsehen. was sagen sie zu dem satz: das publikum bekommt das fernsehen, das es will?  

den satz hört man oft, aber er ist fast ebenso zynisch wie das fernsehen, das aus einer solchen haltung resultiert. wir wissen schlichtweg nicht, wie das publikum auf ein fernsehen reagierte, das verstärkt den geist anspräche und nicht nur den unterleib, ein fernsehen, das in seinem publikum keinen konsumenten sähe, den es misstrauisch zu unterjochen gilt, sondern einen partner, dem man mit einem vertrauensvorschuss begegnet, weil man ihm zutraut, dass seine konzentration länger anhält als 30 sekunden und dass seine neugier die strecke zwischen zwei werbepausen überdauert. ein solches fernsehen, von dem ich manchmal träume, kann man derzeit fast nirgends erleben. insofern würde ich den satz umkehren: das fernsehen züchtet sich jenes publikum heran, das es braucht, um tüchtig an ihm zu verdienen.

alexander Kissler in "pro - christliches medienmagazin" 4/2009

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ausgeschnitten.9.9.54

wirkliche künstler erkennt man nicht an der perfekten technischen darbietung, sondern am ausdruck, der ausstrahlung, die durch den umgang mit den pausen heranreift. künstler sprechen durch die pause, die mitnichten nichts ist, sondern geballte energie. In der aufbauphase der professionalität stehen handwerk, technik und vituosität im vordergrund. aber dann entdecken musiker, schauspieler oder tänzer die pause als wichtigstes gestaltungselement im fluss der klänge, worte oder bewegungen. musikwerke, poesie und choreografie sind dann kunstwerke, wenn sie die natürliche pulsation von 75% aktivem geschehen und 25% passivität, also pausen aufweisen. natürlich ist das nicht linear zu sehen, sondern in der verteilung von ruhepolen im gesamtgeschehen des kunstwerkes.  

rosina sonnenschmidt in "lachesis" nr. 37 / Dezember 2008

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