Fragmentale Kopfgeburten

Zettelladen eines Zeitverdichters. Im Streubereich der Wahrheit.  
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gesellschaft

 

ausgeschnitten.9.9.62

[...] die zeit wurde als thema entdeckt, nicht zuletzt, weil sie durch die verbreitung öffentlicher uhren auch sichtbar wurde. nun wurden die menschen nicht mehr vom gestirnten himmel über ihnen regiert, fortan regierten sie sich, mit fleißiger unterstützung der chronometer selbst. gott dagegen wurde „zeitlich“ enteignet, die zeitherrschaft ging auf die weltlichen herrscher über. die teilten dann bald ihre untertanen in pünktliche und unpünktliche bewohner ein und nötigten sie, ihr leben nach terminen zu gestalten. das zinsverbot wurde aufgehoben, die ersten banken gegründet und die doppelte buchführung erfunden. kurz gesagt: der kapitalismus wurde auf jene schiene gesetzt, die später dann auch zum beschleunigbaren eisenbahnwesen führte. nicht mehr länger ist zeit ein gottesgeschenk, sie wird zur knappen ressource, mit der kalkulatorisch umzugehen ist. es ist die mechanische uhr, die den kapitalismus auf betriebstemperatur gebracht hat. [...] gestern dann - vor ca. 250 jahren – wurde alles anders: [...] obgleich in einem ausmaß wie nie zuvor in der geschichte zeit gespart wird, ist immer weniger von ihr da. ... heute wird es wieder anders, anders schneller als bisher. beschleunigt wird jetzt immer mehr durch vergleichzeitigung, durch zeitverdichtung. ... karriere machen nun nicht mehr die pünktlichen, karriere machen die flexiblen. [...] geschwindigkeit wird alles sein. "bist du nicht der schnellste, dann bist du der letzte",... [...] untersuchungen zeigen eine deutliche steigerung unserer sprechgeschwindigkeit. [...] was aber tun wir eigentlich mit der zeit, wenn wir sie gerade eben mal nicht beschleunigen? dann nutzen wir sie, um ordnung in unserer nahen und fernen welt zu machen. [...] spätestens in der ersten klasse der grundschule müssen kinder lernen, wie man die zeit an der uhr ablesen kann, und daß es die zeit der uhr ist und nicht das eigene zeitgefühl, nach der man sich zu richten hat. [...] man sollte zur kenntnis nehmen, daß die zeit nicht schnell und auch nicht langsam vergeht. wir laufen nur zu schnell oder zu langsam an ihr vorbei. das kann man vermeiden. und das sollte man auch vermeiden.

prof. dr. karlheinz geissler in "weleda zeitschrift" sommer 2008

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ausgeschnitten.9.9.61

[...] der integrale ansatz ist eine ernsthafte möglichkeit, theorie und praxis als eine einheit zu verstehen. diesen ansatz anzuwenden, und in den gesellschaftlichen bereich zu übertragen, ist anspruchsvoll und komplex, und es bedarf eines sensiblen und zugleich mutigen vorgehens. es ist von großer bedeutung, hilfreiche werkzeuge aus verschiedenen ansätzen zu nutzen und miteinander zu kombinieren, ohne deren essenz zu verwässern. um der gefahr der beliebigkeit zu begegnen ist es wichtig, sehr genau traditionslinien und kontexte zu kennen, ernst zu nehmen und zu würdigen.

matthias ruff in "integrale perspektiven" ausgabe 11 - oktober 2008

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ausgeschnitten.9.9.59

christian weber: sozialer wandel bringt aber auch fortschritte.

hartmut rosa: wenn das tempo stimmt. doch die halbwertzeit des sozialen wissens schrumpft derzeit so schnell, dass wir uns ständig mit seiner aktualisierung beschäftigen müssen, seien es adressen, telefonnummern, passwörter, parteiprogramme, die bedienung von computerprogrammen oder technischen geräten. das führt zu einer gegenwartsschrumpfung, die vor allem älteren menschen probleme bereitet: alte menschen sind heute diejenigen, die sich nicht in die stadt trauen, weil sie nicht wissen, wie der fahrkartenautomat funktioniert. alter wird entwertet, weil erfahrung entwertet wird. es gibt nicht mehr den weisen alten, der weiß, wie die dinge laufen. man hat die welt nie ausgeschöpft und kann deshalb nicht mehr lebenssatt sterben.

christian weber: aber könnte lebenserfahrung nicht helfen beim umgang mit menschlichen grunderfahrungen, die immer gleich bleiben: niederlagen, liebe, tod?

hartmut rosa: das stimmt nur begrenzt. auch liebe und partnerschaft zum beispiel werden heute anders interpretiert als früher. die ansichten der Älteren wirken dann auch in diesem bereich anachronistisch. und zu den grundproblemen leiden und sterben haben wir in einer säkularen gesellschaft ohnehin nur schlechte antworten, da hilft auch erfahrung nicht. die angst vor dem tod ist ja ein weiterer grund, wieso wir menschen der moderne unsere erlebnisdichte steigern, also unser lebenstempo erhöhen.

christian weber: das ist doch eine sinnvolle strategie. psychologen sagen, dass viele erlebnisse im rückblick zu einem gefühlt längeren leben führen. das ist doch schon was.

hartmut rosa: sie beschreiben das bekannte zeitparadox: wenn ich spannende dinge erlebe und die zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im nachhinein lang. ich diagnostiziere jedoch ein phänomen, dass ich fernsehparadox nenne: beim zappen etwa wechseln zuschauer alle paar sekunden das programm. dabei vergeht die zeit wie im flug. man will vielleicht nur fünf minuten gucken, am schluss sind es zwei stunden. die zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück. nach langem tv-konsum ist man nicht zufrieden und erfüllt, im gegenteil. ich glaube, das moderne zeiterfahrungsmuster weist in vielen lebensbereichen diese kurz-kurz-struktur auf.

christian weber: die erlebnisse können aber auch sein: kurztrips nach london, kino und theater, bergsteigen am wochenende.

hartmut rosa: ich vermute dennoch, dass mit der erlebnisdichte die erlebnistiefe abnimmt. wir erleben zwar sehr viel, aber erinnern uns nur durch souvenirs und äußere dingen daran. wir machen unsere erlebnisse nicht mehr zum teil unserer lebens- und entwicklungsgeschichte. wir erfahren kein wachstum, sondern eine ziel- und richtungslose veränderung. das ist kein fortschritt.

hartmut rosa in "süddeutsche zeitung wissen" januar/februar 2009

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ausgeschnitten.9.9.55

sie beschreiben sehr ausführlich tiefpunkte im unterhaltungsfernsehen. was sagen sie zu dem satz: das publikum bekommt das fernsehen, das es will?  

den satz hört man oft, aber er ist fast ebenso zynisch wie das fernsehen, das aus einer solchen haltung resultiert. wir wissen schlichtweg nicht, wie das publikum auf ein fernsehen reagierte, das verstärkt den geist anspräche und nicht nur den unterleib, ein fernsehen, das in seinem publikum keinen konsumenten sähe, den es misstrauisch zu unterjochen gilt, sondern einen partner, dem man mit einem vertrauensvorschuss begegnet, weil man ihm zutraut, dass seine konzentration länger anhält als 30 sekunden und dass seine neugier die strecke zwischen zwei werbepausen überdauert. ein solches fernsehen, von dem ich manchmal träume, kann man derzeit fast nirgends erleben. insofern würde ich den satz umkehren: das fernsehen züchtet sich jenes publikum heran, das es braucht, um tüchtig an ihm zu verdienen.

alexander Kissler in "pro - christliches medienmagazin" 4/2009

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ausgeschnitten.9.9.38

hinter der oft pharisäerhaften aufregung über die angebliche oder tatsächliche unterdrückung der frau im islam verbirgt sich möglicherweise auch ein sexistisch-rassistisches moment: die als anders geltenden frauen sollen am sexuellen markt für die männliche mehrheitsgesellschaft verfügbar sein. der skandal an ihrer verhüllung liegt nicht in ihrer unterstellten unfreiwilligkeit, sondern darin, dass hier niemand das spiel einer offenkundigen sexualisierung des eigenen körpers entweder nicht mitmacht oder gemeinerweise durch kombination von kopftuch und lippenstift so verkompliziert, dass man sich jetzt bitte aber echt nicht mehr auskennt.

thomas edlinger in "the gap" februar 2009

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ausgeschnitten.9.9.37

es gibt keine bildung ohne inhalte. wir brauchen deshalb wieder ein primat der inhalte vor den methoden. die blanke forderung nach einer inhaltsleeren vermittlung von kompetenzen kommt dem vorschlag gleich, ohne zutaten zu kochen, wie es konrad p. liessmann in seiner theorie der unbildung von 2006 beschrieb. es ist also eine renaissance des konkreten wissens notwendig. nach einer langen phase der egalisierung der inhalte und der entkanonisierung schulischer bildung sind in so manchen deutschen ländern dreißig jahre inhaltlichen vakuums neu zu befüllen. ... es reicht nicht zu wissen, wo man etwas nachschlagen bzw. wie man bei google oder wikipedia - zumal manchmal falsche - "wissens"-wegwerf-häppchen "herunterladen" kann. natürlich ist es wichtig zu wissen, wo man etwas findet. deshalb ist es wichtig, jungen leuten beizubringen, wo man was nachlesen kann. ansonsten: man stelle sich eine politische, naturwissenschaftliche oder ökonomische live-debatte vor, in der auch nur drei debattenpartner zwar wissen, wo man was findet, in der diese drei aber ständig zum bücherregal rennen oder sich ins internet einklinken, um fakten und argumente zu suchen. eine solche download-gesellschaft mit just-in-time-wissen wäre eine gesellschaft ohne vorrat, eine gesellschaft der minikommunikation. apropos "nachschlagen": im lexikon oder im internet "nachschlagen" kann nur der, der richtig zu  fragen weiß. richtig zu fragen weiß aber nur der, der bereits eine wissensbasis hat. ... wenn es keine arroganz der macht geben soll, dann darf es auch keine arroganz des wissens geben. menschen mit wirklich großem wissen neigen zu bescheidenheit. denn die menschen sind sich bewusst: je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich wenig weiß. das haben bereits die römer erkannt: quo sapientior, eo modestior (je weiser einer ist, desto bescheidener wird er). und schließlich hat wissen - sprachgeschichtlich - mit "witz" zu tun. man kann zwar mit wissen brillieren, aber man kann noch mehr brillieren, wenn man das mit witz und mit einem schuss selbstironie tut. dann erst ist man wirklich souverän.

josef kraus in "novo argumente" nr. 97 / 11-12 2008

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ausgeschnitten.9.9.23

das private ist öffentlich. arbeit ist öffentlich. es ist ein bisschen wie am fkk-strand. alle sind nackt, aber man schaut nicht hin. alle sind privat online, aber man schielt nicht auf den schirm nebenan.

wolfgang büscher im "zeit magazin" nr. 18 / 23.4.2009

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ausgeschnitten.9.9.17

es ist nicht umsonst so: will man eine nation oder eine kultur zerstören, fängt man mit der kunst an. künstler zeigen dinge, die sonst verdrängt werden, sie erkennen das innere und tragen es nach außen. deshalb stehen sie oft am rand der gesellschaft, weil man es nur von dort sehen kann.

aleksandra chaberek in "galore" juni 2008

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ausgeschnitten.9.9.16

ich denke auch, daß es schlicht nicht möglich ist jedes verbrechen aufzuklären. es gibt ungerechtigkeiten, und es wird sie immer geben, damit müssen wir leben. unsere freiheit in der hoffnung zu beschneiden, dadurch wirklich jede kindesmisshandlung zu verhindern, halte ich für falsch.

padeluun in "galore" juni 2008

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