Fragmentale Kopfgeburten

Zettelladen eines Zeitverdichters. Im Streubereich der Wahrheit.  
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kultur

 

ausgeschnitten.9.9.59

christian weber: sozialer wandel bringt aber auch fortschritte.

hartmut rosa: wenn das tempo stimmt. doch die halbwertzeit des sozialen wissens schrumpft derzeit so schnell, dass wir uns ständig mit seiner aktualisierung beschäftigen müssen, seien es adressen, telefonnummern, passwörter, parteiprogramme, die bedienung von computerprogrammen oder technischen geräten. das führt zu einer gegenwartsschrumpfung, die vor allem älteren menschen probleme bereitet: alte menschen sind heute diejenigen, die sich nicht in die stadt trauen, weil sie nicht wissen, wie der fahrkartenautomat funktioniert. alter wird entwertet, weil erfahrung entwertet wird. es gibt nicht mehr den weisen alten, der weiß, wie die dinge laufen. man hat die welt nie ausgeschöpft und kann deshalb nicht mehr lebenssatt sterben.

christian weber: aber könnte lebenserfahrung nicht helfen beim umgang mit menschlichen grunderfahrungen, die immer gleich bleiben: niederlagen, liebe, tod?

hartmut rosa: das stimmt nur begrenzt. auch liebe und partnerschaft zum beispiel werden heute anders interpretiert als früher. die ansichten der Älteren wirken dann auch in diesem bereich anachronistisch. und zu den grundproblemen leiden und sterben haben wir in einer säkularen gesellschaft ohnehin nur schlechte antworten, da hilft auch erfahrung nicht. die angst vor dem tod ist ja ein weiterer grund, wieso wir menschen der moderne unsere erlebnisdichte steigern, also unser lebenstempo erhöhen.

christian weber: das ist doch eine sinnvolle strategie. psychologen sagen, dass viele erlebnisse im rückblick zu einem gefühlt längeren leben führen. das ist doch schon was.

hartmut rosa: sie beschreiben das bekannte zeitparadox: wenn ich spannende dinge erlebe und die zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im nachhinein lang. ich diagnostiziere jedoch ein phänomen, dass ich fernsehparadox nenne: beim zappen etwa wechseln zuschauer alle paar sekunden das programm. dabei vergeht die zeit wie im flug. man will vielleicht nur fünf minuten gucken, am schluss sind es zwei stunden. die zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück. nach langem tv-konsum ist man nicht zufrieden und erfüllt, im gegenteil. ich glaube, das moderne zeiterfahrungsmuster weist in vielen lebensbereichen diese kurz-kurz-struktur auf.

christian weber: die erlebnisse können aber auch sein: kurztrips nach london, kino und theater, bergsteigen am wochenende.

hartmut rosa: ich vermute dennoch, dass mit der erlebnisdichte die erlebnistiefe abnimmt. wir erleben zwar sehr viel, aber erinnern uns nur durch souvenirs und äußere dingen daran. wir machen unsere erlebnisse nicht mehr zum teil unserer lebens- und entwicklungsgeschichte. wir erfahren kein wachstum, sondern eine ziel- und richtungslose veränderung. das ist kein fortschritt.

hartmut rosa in "süddeutsche zeitung wissen" januar/februar 2009

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ausgeschnitten.9.9.55

sie beschreiben sehr ausführlich tiefpunkte im unterhaltungsfernsehen. was sagen sie zu dem satz: das publikum bekommt das fernsehen, das es will?  

den satz hört man oft, aber er ist fast ebenso zynisch wie das fernsehen, das aus einer solchen haltung resultiert. wir wissen schlichtweg nicht, wie das publikum auf ein fernsehen reagierte, das verstärkt den geist anspräche und nicht nur den unterleib, ein fernsehen, das in seinem publikum keinen konsumenten sähe, den es misstrauisch zu unterjochen gilt, sondern einen partner, dem man mit einem vertrauensvorschuss begegnet, weil man ihm zutraut, dass seine konzentration länger anhält als 30 sekunden und dass seine neugier die strecke zwischen zwei werbepausen überdauert. ein solches fernsehen, von dem ich manchmal träume, kann man derzeit fast nirgends erleben. insofern würde ich den satz umkehren: das fernsehen züchtet sich jenes publikum heran, das es braucht, um tüchtig an ihm zu verdienen.

alexander Kissler in "pro - christliches medienmagazin" 4/2009

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ausgeschnitten.9.9.29

irgendwann ist sie weg, diese unglaubliche naivität und unschuld, mit der ohne gnade alles mögliche gemacht wird. das ist halt punk. musik machen? kann jeder! kunst machen? scheiß der hund drauf, kann jeder!

sven regener in "galore" september 2008

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ausgeschnitten.9.9.17

es ist nicht umsonst so: will man eine nation oder eine kultur zerstören, fängt man mit der kunst an. künstler zeigen dinge, die sonst verdrängt werden, sie erkennen das innere und tragen es nach außen. deshalb stehen sie oft am rand der gesellschaft, weil man es nur von dort sehen kann.

aleksandra chaberek in "galore" juni 2008

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ausgeschnitten.9.9.10

die soziale und ästhetische valorisierung von berliner problemkiezen wie kreuzberg und neukölln ist verdienst der kunstwelt. nur die linken wollen darauf nicht stolz sein, weil sie das soziale nur in seiner staatlichen form (hartz IV) oder in den zk-gemäßen formen (besetztes haus, autonomes kulturprojekt und so weiter) akzeptieren.

ulf poschardt in "monopol" 5/2008

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