es gibt keine bildung ohne inhalte. wir brauchen deshalb wieder ein primat der inhalte vor den methoden. die blanke forderung nach einer inhaltsleeren vermittlung von kompetenzen kommt dem vorschlag gleich, ohne zutaten zu kochen, wie es konrad p. liessmann in seiner theorie der unbildung von 2006 beschrieb. es ist also eine renaissance des konkreten wissens notwendig. nach einer langen phase der egalisierung der inhalte und der entkanonisierung schulischer bildung sind in so manchen deutschen ländern dreißig jahre inhaltlichen vakuums neu zu befüllen. ... es reicht nicht zu wissen, wo man etwas nachschlagen bzw. wie man bei google oder wikipedia - zumal manchmal falsche - "wissens"-wegwerf-häppchen "herunterladen" kann. natürlich ist es wichtig zu wissen, wo man etwas findet. deshalb ist es wichtig, jungen leuten beizubringen, wo man was nachlesen kann. ansonsten: man stelle sich eine politische, naturwissenschaftliche oder ökonomische live-debatte vor, in der auch nur drei debattenpartner zwar wissen, wo man was findet, in der diese drei aber ständig zum bücherregal rennen oder sich ins internet einklinken, um fakten und argumente zu suchen. eine solche download-gesellschaft mit just-in-time-wissen wäre eine gesellschaft ohne vorrat, eine gesellschaft der minikommunikation. apropos "nachschlagen": im lexikon oder im internet "nachschlagen" kann nur der, der richtig zu fragen weiß. richtig zu fragen weiß aber nur der, der bereits eine wissensbasis hat. ... wenn es keine arroganz der macht geben soll, dann darf es auch keine arroganz des wissens geben. menschen mit wirklich großem wissen neigen zu bescheidenheit. denn die menschen sind sich bewusst: je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich wenig weiß. das haben bereits die römer erkannt: quo sapientior, eo modestior (je weiser einer ist, desto bescheidener wird er). und schließlich hat wissen - sprachgeschichtlich - mit "witz" zu tun. man kann zwar mit wissen brillieren, aber man kann noch mehr brillieren, wenn man das mit witz und mit einem schuss selbstironie tut. dann erst ist man wirklich souverän.
josef kraus in "novo argumente" nr. 97 / 11-12 2008
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